Südafrikanisch Reisen Teil 3 – Die Gute Hoffnung

Südafrikanisch Reisen Teil 3 – Die Gute Hoffnung

Guter Hoffnung zu sein ist ja prinzipiell etwas Schönes. Der Begriff an sich ist ein durchaus positiver, beinhaltet jedoch auch eine gewisse Komponente von Unsicherheit, die ein Ereignis betrifft, das in der Zukunft liegt.

Wir machen uns hoffnungsfroh auf den Weg zum Kap, das diesen Namen trägt. Zum südlichsten Punkt Afrikas. Zumindest ist es der süd-östlichste. Dort, wo die beiden Ozeane sich noch nicht vermischen, denn das berühmte „Kap der guten Hoffnung“ ist von reinem Atlantikwasser umspült und von heftigen Winden umtost, dem bekanntlich schon einige Schiffe zum Opfer gefallen sind.

Auf unserem ersten Stop im Örtchen Muizenberg begrüßt er uns schon mit kräftigem Gebläse. Ich halte meinen Hut fest. Der Strand ist wunderschön, weißer Sand mit glasklarem, türkisbauen Wasser, karibisch anmutend, wie im Reisekatalog. Nach einer vorsichtigen Probe mit den Zehenspitzen finden wir unsere Vermutung bestätigt; und wir wissen auch sofort, warum sich keiner der zahlreichen Surfer ohne Neopren Anzug auf’s Meer hinauswagt. Maximal 14 Grad soll das Wasser hier angeblich im Sommer kriegen. Paradoxerweise ist es im Winter wärmer, aufgrund irgendwelcher jahreszeitlich bedingter Strömungen.

Dementsprechend kurz fällt also unser Strandspaziergang aus, wir ziehen ein windgeschütztes Plätzchen vor, an dem man in aller Ruhe einen Kaffee schlürfen kann. Nicht, ohne davor ein Foto von den hübschen hölzernen alten Strandhäuschen gemacht zu haben, die knallbunt in den Farben der südafrikanischen Flagge leuchten: blau, gelb, grün und rot – wie auf einem der Bilder des frühen Jean Miro, heute auch werbewirksam verwendet für die Spanien Touristenwerbung.

Weiter geht es nach Simon’s Town, dessen Hauptstrasse von prunkvollen viktorianischen Häusern gesäumt ist, mit verschnörkelten Säulen, Balkonen und Veranden, kunstvoll aus Metall gefertigt ubd weiß angestrichen. Wenn man sich die verkehrsreiche Straße und das Meer auf der anderen Seite wegdenkt, könnte man glauben, man ist in einer Stadt im Wilden Westen. Würde hervorragend für eine Filmkulisse herhalten. Ein paar Pferde müßte man vielleicht noch aufstellen.

Wir wandern hinunter zum kleinen Hafen und den Pier entlang. Ich schieße ein pittoreskes Foto von einem schwarzen Mann mit Hut, der vor einem Wald aus Schiffsmasten sehnsuchtsvoll in die Ferne schaut. Möwen kreischen. Ein Katze miaut. Wir gehen weiter. Ein Hahn kräht. Wir schauen uns fragend an. Was macht bitte ein Hahn auf diesem Pier ? Die Katze miaut wieder, dann bellt ein Hund. Vögel zwitschern, ein Pferd wiehert. Der Mann mit dem Hut kommt uns entgegen. Wir lauschen angeregt, schauen ihn jetzt genau an und hegen den ersten Verdacht. Ja, ER ist es. Er macht alle diese Tier-Geräusche. Und zwar so unglaublich echt, dass man es kaum glauben kann.

Wir sprechen ihn an. Wieviele Tiere kann er denn nachmachen? 30 Tiere sind es jetzt. Er lernt aber immer neue dazu, jeden Tag übt er das. Wir geben ihm ein Trinkgeld in ein Plastikgefäß, das er hinter dem Rücken trägt. Großartig! Womit sich die Leute hier ein bißchen Geld vedienen!! Aber er ist echt gut. Sehr talentiert, wie die Kellnerin in der kleinen Hafenbar formuliert. Jeden Tag ist er da. Ziemlich unauffällig, ja völlig unverdächtig geht er am Pier und vor dem Lokal auf und ab, und schaut verträumt in den Himmel. Ein Ehepaar kommt vorbei. Er bellt laut und zwickt die Frau von hinten in die Wade. Diese schreit auf, die beiden Eheleute blicken völlig verwirrt und suchend umher. Alle lachen. „One day he will cause someone’s heartattack“, meint die Kellnerin schmunzelnd.

Wir erfrischen uns mit einem Drink und ich bewundere die Kunstwerke bei einem neben uns aufgebauten Stand. Hier gibt es wirkliche Tiere, zu kaufen, wirklich handgemachte, aus Perlen, Holz, Metall, Draht und allen möglichen und unmöglichen Materialen. Die Afrikaner sind großartige Kunsthandwerker. Und Recycling-Künstler. Am Besten gefallen uns die aus alten Autoteilen gefertigten, die teilweise rostig, teilweise noch mit alten Lackresten behaftet sind. Wir entscheiden uns für einen Elefantenkopf, den man an die Wand hängen kann, sehr hübsch und erstaunlich billig. Als Draufgabe noch einen Löwen, zwei Vögel und einen ganzen Elefanten. Ich möchte den Leuten hier durch einen Kauf Anerkennung zollen und sie auch finanziell unterstützen.

Nach Simon’s Town geht es weiter südwärts, zur Haupt-Touristentraktion, dem „Pinguin Strand“. Eine Kolonie von Brillenpinguinen lebt hier und kann für ein kleines  Eintrittsgeld besichtigt werden. Ein äußerst lohnendes Fotomotiv! Theoretisch könnte man auch mit ihnen schwimmen gehen; wenn man das wollte. Und wenn man Glück hat, und sie in der Nähe sind. Aber obwohl auch dieser Strand rein optisch zur Kategorie Traumstrand gehört, ist das Wasser eindeutig viel besser für Pinguine geeignet, die vorher stundenlang in der Sonne herumgestanden sind. Einer dieser komischen Vögel aber zieht es vor, im schattigen Gebüsch beim Parkplatz zu dösen. Zahlreiche Schilder weisen darauf hin, dass man auf versteckte Pinguine achten soll. Auch unter den Autos scheinen sie sich manchmal aufzuhalten.

Am Eingang zum Naturschutzgebiet des Kaps, wo man wiederum ein Ticket kaufen muß, hat sich eine lange Autoschlange gebildet. Es ist Mittag, die Sonne brennt herab, es ist heiß im Wagen, Mein Mann will sofort umdrehen, ich erinnere ihn aber daran, dass er am Vorabend gemeint hat, wenn er schon da ist, muß er unbedingt hinunter bis zum berühmten Kap!

Murrend reiht er sich ein, es dauert etwa eine halbe bis 3/4 Stunde bis wir endlich unser Ticket gelöst haben. Wolken ziehen auf. Schnell sind sie da nicht gerade bei der Abfertigung. Aber das ist hier nirgends so. „Schnell“ geht gar nix. Und „gleich“ schon gar nixer. Hoffnungsfroh fahren wir also in den Park, um nach etwa 10 Minuten wieder in der Kolonne zu stehen. Die Straße wird saniert und nur eine Spur, die wechselweise für den Verkehr frei gegeben wird, ist benutzbar. Das dauert wieder etwa 10-15 Minuten. Und das an zwei Stellen. Wenigstens kann man ausgiebig und in Ruhe diese schöne Berglandschaft mit der nur hier im Table-Mountain Park Resort vorkommenden Fynbos Vegetation bewundern. Eine sehr artenreiche, heidekrautähnliche Flora, mit vielen dekorativen Blütensträuchern. Hier wächst u.a. die wunderschöne Protea, Nationalblume Südafrikas, die man bei uns aus Blumengeschäften kennt und nur für ganz besondere Anlässe kauft.

Als wir endlich das Kap erreicht haben, ist aus den stetig heraufziehenden Wolken einigermaßen dichter Nebel geworden. Na bravo. Wozu sind wir jetzt eigentlich da? Aussicht gleich Null. Aber wir geben die gute Hoffnung nicht auf. Wir gehen mal ins Restaurant, in der Hoffnung auf baldiges Essen. Aber wie gesagt, schnell geht hier gar nix. Obwohl wir schon im glücklichen Besitz einer Speisekarte sind, machen alle Kellner einen großen Bogen um uns. Als es uns schließlich gelingt, einen auf uns aufmerksam zu machen (den kleinsten und schüchternsten von allen), schreibt dieser unsere Bestellung auf einen Block; meine Frage nach dem auf einer Tafel angekündigten, aber nicht weiter beschriebenen Fischgericht des Tages überfordert ihn scheinbar und er verschwindet auf Nimmerwiedersehen.

Geduld, wir sind in Afrika. Die Aussicht von der Restaurantterrasse ist… naja hoffnungsvoll. Dass der blöde Nebel wegzieht. Kalt ist es auch geworden. Mein Mann holt Jacken aus dem Auto, in der Zwischenzeit werden (nach letztlich erfolgreicher Bestellung bei einem anderen Kellner) die Vorspeisen serviert. Diese sind ein Augenschmaus. Das finden auch die glänzenden schwarzen Vögel mit den braunen Flügelspitzen, die hier 3x so groß und 3x so frech wie die Spatzen zahlreich herumhüpfen. Ich verteidige tapfer unsere beiden Gerichte, einem gelingt es aber doch, eine Manderinenspalte vom Teller meines Mannes zu ergattern.

Als wir aufbrechen, ist der Nebel nicht mehr ganz so dicht und wir wandern auf einem hölzernen Steg abwärts Richtung Kap. Von den Leuchttürmen oben am Cape Point ist gar nichts zu sehen; das scheint in früheren Zeiten auch leider so manchem vorbeifahrenden Schiff zum Verhängnis geworden zu sein.

Die Landschaft aber, soweit man sie sehen kann, ist atemberaubend. Die Wolkendecke lockert sich stetig. Buntes Gestein in allen erdenklichen Ocker-, Braun- und Rottönen – kommt zum Vorschein. Meine Lieblingsfarben, die ich auch immer gerne in meiner Malerei verwende.  Vielerlei Verwerfungen, wunderbare Muster und verschiedenste Pflanzen in allen erdenklichen Grüntönen sind zu sehen. Wir steigen etwa 250 Stufen zu einer malerischen Bucht hinab, wo der Wind tost und die Wellen eindrucksvoll gegen die hoch aufgeschichteten, farbigen Felsen branden. Hier fühlt man sich so richtig klein und unbedeutend inmitten einer gewaltigen, mächtigen Natur, die ihre eigenen Gesetze hat. Eine kleine tote Robbe liegt am Strand, in der Nähe kauert ein alter, schwacher Vogel, der nicht wegfliegt, auch wenn man ganz nah kommt. Auf ihn scheinen die Möwen schon nervös herumhüpfend zu warten.

Der Aufstieg ist mühevoll, aber wir sind um viele beeindruckende Bilder bereichert. Mittlerweile ist das Wetter wieder besser, eine schon tiefstehende Sonne taucht die Landschaft in warmes Licht. Auf der Rückfahrt probiere ich das Autofahren auf der linken Straßenseite aus. Ist doch ganz einfach! Theoretisch. Auch ich erwische versehentlich mal den Scheibenwischer statt dem Blinker und wir hüpfen zurück in den falschen Gang. Naja; wenigstens ist hier jetzt fast kein Verkehr mehr. Für die Heimfahrt nach Cape Town überlasse ich das Steuer wieder meinem Mann. Ich lehne mich entspannt zurück und erblicke in der Ferne zwei große Vogel-Strauße. Die gibt es wirklich hier! Wow. Letztendlich sind unserere guten Hoffnungen doch noch erfüllt worden: es war ein wunderschöner, unvergesslicher Ausflug.

Renate Reich, 18. November 2018