Russisch Reisen

Russisch Reisen

Von fliegenden Bösewichten, unendlich langen Rolltreppen und dem Geheimnis des Taxifahrens –

Das Boarding beginnt überpünktlich: Flughafen Wien, 11:00 – Aeroflot Flug nach St. Petersburg. Der Flug ist gut „gecastet“. Ich stehe in einer Reihe mit mindestens zehn potentiellen Darstellern eines James Bond Films: finsterer Blick, nicht sonderlich attraktiv, markante Nase, kräftiger Körperbau – der typische russische Bösewicht. Dazwischen verstreut einige Damen mit markanten, blonden einander sehr ähnlichen Kurzhaar-Frisuren, die meisten mit Pelzmütze oder -Kragen und mindestens einem Plastiksackerl.

Ich schaue mich lieber nicht unter meinen Mitreisenden um, sonst komm ich noch auf blöde Gedanken… Als ich 1/2 Stunde vor Abflug schon im Flugzeug sitze, ist das eher ungewöhnlich, das findet auch mein Mann, der mir per Telefon noch eine gute Reise wünscht. Die potentiellen Bösewichte verhalten sich unauffällig, der eine neben mir schläft wie auf Knopfdruck ein, als das Flugzeug abhebt… die Durchsagen auf russisch beunruhigen mich wenig, da ich ohnehin kein Wort verstehe und der Tonfall der männlichen Stimme (vor Freundlichkeit nicht gerade strotzend) sehr sachlich und informativ gehalten ist (jedenfalls gibt es scheinbar eine Menge zu sagen) – ich fühle mich wie eine Kosmonautin auf dem Flug zu einer Raumstation, in äußerst wichtiger Mission. Als wir dann auch noch 30 Minuten früher als vorgesehen landen, und das Gepäck etwa 10 Minuten danach auf dem Fließband einfährt, fühle ich mich beinahe überrumpelt.

Willkommen in St.Petersburg, meine Abholperson steht mit einem Riesenschild auf dem mein Name steht, in der ersten Reihe der Wartenden – ich kann gar nicht aus… Dann, ganz plötzlich, macht die Zeit einen Sprung und es ist fast so, als würde man Bremsen quietschen hören – von jetzt an passiert alles irgendwie in Zeitlupe… Oksana (meine Abholperson) – ein junges Mädel mit hübscher, weißer flauschiger Echtpelzmütze telefoniert auf ihrem Handy (solche Modelle gibt es bei uns glaub ich nur mehr im Second Hand Handy Shop)… und das dauert… sie sagt, sie wartet auf den Fahrer… dann telefoniert sie etwa noch dreimal, dazwischen vergehen sicher 30 Minuten – wir konversieren einstweilen smalltalkend. Ich wundere mich, und frage mich, was da so schwierig sein kann…

Es ist Februar, draussen hat es schätzungsweise minus 10 Grad, alle Einheimischen sind irgendwie in eine Art von Pelz gehüllt, die Sonne scheint diffus und irgendwo weit weg, das Flughafengebäude wirkt ein wenig verschlafen. Wir stehen in der Gegend rum und warten.

Endlich kommt ein Taxi… ja, das ist unseres – bestätigt. sie. Ich verstehe immer noch nicht wirklich. In anderen Ländern geht man beim Flughafen raus und ruft sich ein Taxi… aber ich weiß schon – auch von Wien – das kann teuer werden – also lieber eines bestellen. Alles klar. Wir fahren, die Sonne scheint jetzt in echt. Ich schaue aus dem Fenster und stelle fest, die Russen sind definitiv keine passionierten Autowäscher. Jedes zweite Auto ist von oben bis unten dermaßen mit Dreck versaut, dass man die Nummernschilder nicht lesen kann… ich frage mich ob das Berechnung ist??

Was möchte ich denn gerne machen in St.Petersburg während meines Aufenthaltes werde ich gefragt. Ja, also unbedingt eine Bootsfahrt auf den zahlreichen Kanälen, das hab ich mir im Reisführer angeschaut – St. Petersburg ist ja das Venedig des Nordens, und eine Busfahrt durch die Stadt mit einem Hop on Hop Off Bus – falls es sowas gibt; das hat mir mein Reiseführer aber leider nicht verraten. Meine Reisebegleiterin lächelt freundlich und sieht mich mit einem Blick an, als wäre ich ein wenig geistig retardiert, nicht gänzlich ohne Mitleid.

Dann, nach der nächsten Kurve, verstehe ich warum – wir queren den großen Fluß, die Newa: eine Mischung aus dem Gefühl unsagbarer Peinlichkeit und Ärger breitet sich in mir aus: der Fluß ist knallhart und bretteleben zugefroren, ganz in weiß, hübsch zugeschneit. Nix mit Bootfahren. Sicher nicht. So lange ich hier bin. Ich schlucke und sage zunächst einmal nichts mehr. Eislaufschuhe hätte ich mitbringen sollen…

Nach einer sehr, sehr, sehr langen Fahrt kommen wir endlich im Hotel an. Das sP Hotel – ein Plattenbau aus den 70igern, architektonisch schlicht, streng und betongrau – mit einem Wort: häßlich, aber das ist wohl eher untertrieben. Ich komme zur Rezeption. Dort fristet Ende Februar fröhlich eine Plastik-Weihnachtsdekoration ihr – meines Erachtens eher unberechtigtes Dasein; aber vielleicht ist hier Weihnahten das ganze Jahr – wer weiß wann und ob dieser Fluß überhaupt jemals auftaut??

Die Rezeptionistinnen, drei an der Zahl, gut gekleidet, gut frisiert und noch besser, aber vor allem sehr intensiv geschminkt – versuchen, mich zuerst einmal zu ignorieren; kein Blickkontakt, kein Garnix; geschäftig tippen sie und wuseln hin und her, ich fühle mich ziemlich überflüssig. Nach etwa einer gefühlten halben Stunde fällt es einer der Damen scheinbar aus heiterem Himmel ein, mich zu beachten, freundlich, mit erkennbarem Englisch. Mein Name ist so und so ich habe ein Zimmer von so und so reserviert bekommen und ich wäre jetzt bitte schön da, um einzuchecken!! Ja, sehr gerne, tipp, check, aha, okay, ja, sehr gerne, bitte eine Augenblich warten…

Ich lasse mich in der Lounge nieder. Meine Reisebegleiterin ist immer noch da, sie scheint das zu kennen; wir plaudern über dies und das, ich erfahre, dass sie Japa-nologie und Kunstgeschichte studiert, und sie bietet mir eine Privatführung durch die Kunstsammlung „Eremitage“  an – ja, klingt gut! Auf einem Bildschirm sehe ich in Schleife die weissen Nächte und Sehenswürdigkeiten von SP – eh schön!

Endlich heißt es „your room is ready!“ Ich sehe schon die Sonne untergehen… immerhin war ich schon zu Mittag da, und habe den Nachmittag äußerst sinvoll verbracht – am Flughafen, im Taxi und in der Hotel Lobby. Meine Laune ist im Keller, doch dann gesellt sich mit dem Rubel Problem noch eine tiefere Etage dazu – ich möchte noch gerne in die City – aber ohne Rubel geht gar nix. Um die Ecke wäre eine Wechselstube heißt es, die suchen wir auch auf. Um die Ecke ist um die zehn Ecken, aber egal, man ist hier hauptsächlich damit beschäftigt, nicht auszurutschen, alles ist gefroren und das Eis macht interessante Hügel auf Gehfächen, die als solche teilweise fast nicht erkennbar sind. Wieder vermisse ich ein wenig meine Eislaufschuhe.

Es ist vollkommen dunkel, als ich endlich – oh Jubel voller Rubel – meine Kemenate beziehen kann. Das Zimmer ist klein und schlicht, hat aber einen großartigen Ausblick auf die Newa und das gegenüberligende, prunkvoll beleuchtete Ufer – ein Lichtblick 🙂

Und jetzt ab in die City – Oksana zeigt mir den Weg zur U-Bahn. Nach dem mittlerweile schon bekannten Eisrutenspießlauf geht es in die Tiefe. Aber sowas von. So eine Rolltreppe habe ich überhaupt noch nie gesehen. Ich glaube, sie führt direkt zum Mittelpunkt der Erde. Denn von oben kann man das Ende der Treppe gar nicht sehen!! Ich bin beeindruckt! Das Sumpfland ist dafür verantwortlich erklärt mir die Allwissende, daher mußte die U-Bahn in den 1890ern so tief gebaut werden. Ein architektonisches Juwel, by the way! Kronleuchter, Marmorböden, Stuck und Statuen, rollende Holztreppen, und alles pipifein geputzt. Am Bahnsteig fährt sogar ein Boden-Putzwagen auf und ab, so einen sieht man sonst nur in Supermärkten oder besseren Hotels. Ich bin begeistert. Kein Dreck Lulu und Taubenschiss wie in Wien. Keine Sandler, keine Junkies – wo immer die auch sind – hier sind sie jedenfalls nicht.

Wir verabschieden uns, sie fährt nach Hause in die andere Richtung – ich fahre in die City. Ich steige aus und bin kurz darauf in der Prunkstrasse SP – alles wundervoll und märchenhaft beleuchtet. Man muß schon bedenken, dass hier im hohen Norden die Nächte zeitweise lang sind und daher die Beleuchtungskultur der Gebäude einen anderen Stellenwert hat.

In einem Einkaufszentrum, das in den Arkaden eines sehr alten, schönen Gebäudes beheimatet ist, finden sich allerlei Skurillitäten: Babuschkas in allen Größen, Formen und Ethnien, Leckereien, bunt bemalte Eier, Tiere und natürlich alles was man unter Kunst und Kitsch einordnen kann. Ich fotografiere so lange bis mein Hunger unerträglich wird und lasse mich dann in einem Lokal nieder, das mit wunderbaren Palatschinken mit Kaviar und roten Rüben wirbt. Das will ich. Es schmeckt großartig und ich fühle mich weit weg von zu Hause und aber sehr gut“