Kubanisch Reisen Teil 2

Kubanisch Reisen Teil 2

Von kreativen Fortbewegungarten, abenteuerlichen Reistrocknungsmethoden und Lärmschutzlamellen –

Havanna – Vor einer Woche waren wir noch mitten drin. Dort ist es nicht nur laut, es stinkt auch gewaltig. Als wir an einer belebten Straßenkreuzung fast eine halbe Stunde auf den nächsten Hop On Hop Off Bus warten mußten, spürte ich bereits leichte Übelkeit in mir aufsteigen. Die zahlreichen Oldtimer sind zwar wunderschön anzusehen, sie sind aber Lärm- und Dreckschleudern sondergleichen. Die meisten Autos werden als Taxis verwendet und sind mehr oder weniger gut gepflegt. Bei manchen hat man das Gefühl, bei der nächsten Bodenwelle würden sich alle Blechteile voneinander verabschieden, es klappert und röhrt, dass es eine Freude ist. Aber – man kann auch in der ersten Reihe zu dritt nebeneinander sitzen, ohne angeschnallt sein zu müssen! Gurte gibt es sowieso keine, schon gar keine Nackenstützen, manchmal auch keine (funktionierenden) Blinker. Aber das macht nichts, denn kubanische Autofenster sind prinzipiell immer offen und da kann man auch von Hand blinken – mit dem ausgestreckten Arm – nach links – oder über das Dach drüber – nach rechts.

Wer in Kuba mit dem Auto fährt – oder mitfährt – braucht jedenfalls ein starkes Nervenkostüm – und verpflichtend! eine Auslands- Krankenversicherung! Abgesehen von der bisweilen fraglichen Verkehrstüchtigkeit der Fahrzeuge gibt es noch einige andere Faktoren, die einem durchaus Sorgen bereiten könnten. Der Zustand der Straßen beispielsweise – riesige Schlaglöcher auf langen Geraden, die der Tourist, der selbst ein Auto lenkt, niemals erahnen könnte, das selbstbewußte Tempo der Fahrer, das auch bei Dunkelheit oder eingeschränkter Sicht nicht reduziert wird, das Vorhandensein anderer Verkehsteilnehmer, die sich zeit-und lichtmäßig in einem Paralleluniversum zu bewegen scheinen. Zum Beispiel Radfahrer, die sehr oft paarweise auf einem Rad, nicht selten in die Gegenrichtung unterwegs sind, pittoreske Pferdegespanne oder Ochsenkarren, museale Mopeds, stinkende Traktoren, querende Rinder- oder Ziegenherden und vor allem zahlreiche Fußgänger – natürlich alle unbeleuchtet, und vorzugsweise auf der Autobahn. Dann, und das habe ich durchaus noch als zarte Steigerung empfunden, plötzlich von links oder rechts „ins Bild“ tretende oder hüpfende Menschen, die entweder mitfahren wollen oder diverse Waren wie Kartoffel oder Orangen zum Verkauf anbieten. Autostoppen ist übrigens für viele Kubaner die einzige Möglichkeit von A nach B zu kommen. Fahrzeuge besitzen sie selbst nicht, Busse sind entweder überfüllt, zu teuer oder sie fahren erst gar nicht, und ein Bahnticket ist so ähnlich wie ein Lottoschein: ob der Zug fährt und ob bzw. wann er ankommt ist gar nicht oder bestenfalls mit Hilfe einer Kristallkugel vorhersehbar. Ich jedenfalls hielt es nach einer Weile für besser, nur mehr aus dem Seitenfenster zu schauen und die wunderschöne Landschaft zu betrachten… (uuuuahhh!). Computerspiele braucht man hier sicher keine, alle Hindernisse sind ganz echt…!!

Auf dem Weg durch eine große landwirtschaftlich genutzte Ebene zu einer Krokodilfarm im Süden des Landes raste unser Fahrer in abenteuerlicher Geschwindigkeit auf eine querende Ziegenherde zu, die er wie von Zauberhand hupend von der Straße fegte. Die zweite Herde hatte anscheinend keine so guten Ohren, aber es gelang ihm erstaunlicherweise, das Fahrzeug rechtzeitig zum Stillstand zu bringen.

Als ich zur Abwechslung wieder einmal meinen Kopf nach vorne bewegte, und durch die Windschutzscheibe schaute, sah ich, dass die Landstraße, auf der wir uns befanden zeitweilig nur einspurig befahrbar war. Eine der beiden Spuren war komplett bedeckt mit irgendwelchen Körnern, die von (meiner Ansicht nach sehr mutigen) Menschen mit einem Rechen ausgebreitet wurden, während wir mit etwa 100 kmh vorbeibrausten. Der Taxifahrer klärte mich auf: das sind Bauern, die hier ihren Reis zum Trocknen auslegen. Kommt ein Fahrzeug entgegen weicht (der Schwächere?) aus und fährt einfach über den Reis drüber. Aha. Plötzlich wurde mir schlagartig klar, warum in Kuba meistens Reis mit schwarzen Bohnen vermischt gegessen wird. Mhm.

Cardenas, die Stadt der Kutschen. Ziel unserer heutigen Etappe. Ich war heilfroh, unbeschadet aus dem Auto auszusteigen und dass mein Koffer auf dem Dach die etwa 440 km scheinbar unbeschadet überstanden hatte. Jedenfalls war er noch immer da, das war beruhigend. Wir übernachteten in einem Privatquartier, das irgendjemand von irgendjemand empfohlen bekommen hatte. Wir waren fix und fertig von der langen Fahrt und nur für eine Nacht hier, also egal.

Unser Gastgeber brachte uns in ein Lokal (es gibt hier nur dieses, bzw. wagt es ja nicht woanders hinzugehen…), ein Pseudo-Hardrockcafe mit heftiger Zwangsbeschallung (wir haben super Musik hier!), die nur ungern und nach mehrmaligem Bitten leiser gedreht wurde. Nach einem mittelmäßigen Essen bei Diskolicht auf der neu gebauten Terasse fielen wir bald erschöpft ins Bett. Das Haus lag an einer stark befahrenen Straße, Kutschen, Oldtimer und eine nahe Garage (Werkstatt?) – Beim Versuch, das Fenster zu schließen, mußten wir feststellen, dass es gar keines gab. Jedenfalls nichts, was man hätte schließen können – nur Holzlamellen, weiß gestrichen, sehr hübsch anzusehen. Mein Reisepartner packte wieder mal die Ohropax aus, ich machte die Augen zu, hörte abwechselnd die Autos vorbeidröhnen und die Pferdehufe klappern… und ich begann, mich nach dem Gesang des Hahnes und des Brotverkäufers in Trinidad zu sehnen…

 

  1. Jänner 2015