Kubanisch Reisen Teil 1

Kubanisch Reisen Teil 1

Von singenden Brotverkäufern, unartigen Pferden und  köstlichem Sockenkaffee –

Endlich – es ist zwei Uhr früh. Der letzte Hahnenschrei ist soeben verklungen, wir können beruhigt einschlafen. Wenn nicht wieder irgendwo ein Hund zu bellen beginnt, oder laut klappernd eine Pferdekutsche vorbeifährt, oder ein antiquiertes Motorrad – zumindestens ein wenig Schlaf, für ein, zwei Stunden.? Denn dann beginnt der Hahn wieder. Einer nach dem anderen. Und der singende Brotverkäufer macht seine erste Runde durch die noch finstere Straße: „Pan, Pan Criollo“ schreit er mit dem Federvieh um die Wette – stimmlich mindestens genauso begabt wie die allseits beliebten Haustiere: hier haben alle einen Vogel.

Trinidad, eine Stadt an der kubanischen Karibikküste im Süden der Insel ist nichts für akustisch sensible Menschen. Mein Partner, ein Musiker mit feinen Ohren, hat glücklicherweise einen ausreichenden Vorrat an Ohropax mitgebracht. Unsere 13-jährige Tochter schläft zum Glück noch überall gut, egal wo und wie. Mich selbst nervt der nächtliche Lärm zwar auch, aber als Kind des Orients kann ich mich nach einer gewissen Zeit daran gewöhnen. Der Schrei des Muezzin in der Morgendämmerung gehört zu meinen frühesten Erinnerungen an meine Kindheit in Kabul, die ich bei Bedarf auszublenden vermag.

Am nächsten Morgen müssen wir trotz Unausgeschlafenheit jedenfalls früh aus den Federn. Unsere Pferdekutsche, eine gummibereifte, dachlose Pritsche mit hölzerner Sitzbank wartet bereits auf uns, denn in der kühlen Morgenfrische reist es sich bequemer. Ein gut gelaunter, dunkelhäutiger Mann in roten Hosen, breitem Lächeln und ebensolchem Cowboyhut begrüßt uns in passablem Englisch und weist uns unseren Platz zu. Platz ist übertrieben, aber Po an Po geht es sich irgendwie aus, zu viert auf der engen, harten Bank.

Wir verlassen das Dorf landeinwärts in Richtung Escambray Gebirge, müssen aber nach kurzer Zeit windigen, frischen Fahrgenusses das Gefährt schon wieder verlassen. Die Straße führt steil bergab und die Kutsche wäre mit unserem Gewicht nicht zu bremsen, also heißt es jetzt, ein Weilchen zu Fuß laufen.

Unser Reiseführer plaudert ausgiebig freundlich mit uns und erzählt von ehemaligen Zuckerrohrplantagen, Sklaven und Dampfeisenbahnen, die es hier einmal gab. Über uns kreisen große Raubvögel, die man sehr oft und auf der ganzen Insel sieht, ebenso wie die seltsamen weißen, storchartigen Stelzvögel, die immer in Begleitung eines befreundeten Rindes zu sein scheinen. Er gibt erstaunlich fachkundige Antworten auf meine zahlreichen naturkundlichen Fragen und nach einer Weile stellt sich heraus, dass er Tierarzt ist. Eigentlich. Ausgebildeter Tierarzt. Nämlich. Ja, in Kuba studieren, das ist einfach, es kostet auch nichts. Nur den Beruf ausüben, das ist eine andere Sache. Das macht er nicht mehr – es sei denn, ein Freund braucht Hilfe bei der Geburt eines Kalbes, aber mit den Touristen und seiner Kutsche verdient er jetzt ein Vielfaches seines staatlichen Tierarztgehaltes.

 

Und dann, aus heiterem Himmel, ganz plötzlich – ich sehe es kommen, habe aber zu wenig Zeit, um rechtzeitig zu reagieren: das Pferd, ein brauner, stattlicher Hengst mit beachtlichem Hinterteil, hebt in vollem Lauf seinen Schwanz in die Höhe und es ergießt sich eine braune, gut geformte Masse auf das Trittbrett und auf meine Turnschuhe. Converse. Blau. Dunkelblau. Vorher jedenfalls. Mit Blättern und Taschentüchern wird das Debakel notdürftig beseitigt, der Abstand zwischen Pferd und Kutsche wird ein wenig vergrößert und schon geht es weiter. Sorry, Lady.

Nach etwa einer halben Stunde fröhlichen Fahrens, Plaudens und Staunens parken wir unser Gefährt unter einem riesigen Mangobaum. Wir machen Rast auf einem Bauernhof, der möglicherweise aus dem vorigen oder vielleicht sogar aus dem vorvorigen Jahrhundert zu stammen scheint. Ein paar selbst zusammengezimmerte Tische, Baumstämme als Sitze, darüber ein Strohdach, und fertig ist die Raststation. Zur Begrüßung gibt es frisch gepreßten Zuckerrohrsaft mit Zitrone, sehr süß, nicht unteuer, aber köstlich, und ein Bierchen für unseren Herrn Doktor.

Der Wirt – ein geborenes Fotomodell – gesellt sich zu uns. Ein vor sehr langer Zeit geborenes – Fotomodell zwar, aber durchaus eine Erscheinung, und sehr typisch für Kuba: dunkelhäutig, in Jeans und kariertem Hemd, mit Hut und Gitarre, charmantes Lächeln, nahezu zahnlos. Im Reiseführer heißt es, auf dieser Insel würde Spanisch geprochen, aber davon merke ich hier kaum etwas – dieser Kauderwelsch ist mir neu und vor allem komplett unverständlich. Egal, er lacht, was das Zeug hält und hat eine Freude, die ansteckend wirkt. Als er sich dann anschickt, ein Lied zum Besten zu geben bin ich wirklich restlos beeindruckt: Troubadix hätte es nicht besser machen können. Die Gitarre vollkommen verstimmt, die Melodie und der Rhythmus vollkommen zusammenhanglos. Entweder er hat Arnold Schönberg und die Neutöner studiert oder, was ich eher vermute, er war eigentlich vollkommen taub.

Nach dieser kulturellen Bereicherung – und das meine ich nicht abwertend, weil es wirklich skuril und absolut einzigartig war, wollen wir unsere Reise fortsetzen. Vorher aber noch mal kurz austreten und dann geht es weiter…

Der Weg zur „Toilette“ führt durch das Tiergehege, ich stapfe durch ein freudiges Durcheinander an allem, was man auf einem Bauernhof traditionellerweise zu finden vermag, zuzüglich einer Riesenratte in einem leider sehr klein geratenen Käfig. Ich erinnere mich darüber gelesen zu haben, dass dieses Tier mittlerweile eine vom Aussterben bedrohte Art ist, die einst in großer Zahl vorhanden, den Eingeborenen mangels anderer auf der Insel endemischer Säugetierarten als schmackhafte Nahrung diente. Das letzte seiner Art? Mitleidig wende ich meinen Blick auf die andere Seite.

Eine Frau in Gummistiefeln, mit buntem Tuch auf dem Kopf kommt mit einem Kübel und schüttet etwas Unerkennbares in einen der Länge nach aufgeschlitzten Autoreifen. Allgemeine Fütterung. Und dann geht alles unheimlich schnll. Eine große Menge Hühner eilt herbei, gefolgt von ein paar Gänsen und Enten, etwa fünf Ferkel laufen grunzend herbei und stellen sich sofort laut schmatzend in den Reifen hinein, zwei Hunde versuchen, auch ein paar Bissen zu erhaschen, während die drei Katzen das Freßspektakel zu überwachen scheinen. Ich frage mich, ob bei diesem Anblick das Herz eines europäischen Biobauern vor Freude hüpfen oder eher stehen bleiben würde? Ich bin mir nicht ganz sicher.

Etwa eine Stunde später schwimmen wir in einem kleinen Natur-Becken unter einem Wasserfall im Regenwald, wären da nicht noch so viele andere Touristen, ein echtes kleines Stück vom Paradies. Auf dem Weg zurück zu unserem Gefährt, das wir unter dem mächtigem Blätterdach eines tropischen Baumes zurückgelassen hatten, gibt es noch ein Tässchen Urwald-Kaffee – im hölzernen Mörser zerstampft, in einem verbeulten Alukännchen aufgekocht und durch einen betagten Filter gegossen, der in seinem früheren Leben wahrscheinlich als Socke gedient hatte. Ein für Kaffehaus-Hygiene zuständiger Beamter aus Nordamerika wäre wohl beim bloßen Anblicks dieses Cafes verstorben, wir staunen und genießen das edle, schwarze und äußerst schmackhafte Getränk, lauschen den zarten Geräuschen des Waldes und dem Lachen der miteinander scherzenden Kutscher.